Es hätte so schön sein können! Die Perfekte Überraschung…

Von Opole fuhr ich direkt in das kleine Dörfchen Poniszowice, denn dort wurde meine Gruppe zu den Tagen der Begegnung erwartet. Traditionell finden eine Woche vor dem Weltjugendtag die Tage der Begegnung statt, die Pilgergruppen sind über das ganze Land verteilt und erleben das Gemeindeleben der einzelnen Gemeinden Hautnah mit. Der Lintforter Gruppe wurde die Gemeinde Poniszowice zugeteilt, dieses kleine Dorf mit nur ein paar hundert Einwohnern liegt etwas nördlich von Gleiwitz in Schlesien.

Meine Idee war, vor der Gruppe dort einzutreffen und sie zu Überraschen. Laut meinen Berechnungen, sollten sie um 14:00 Uhr ankommen, also bin ich um 13:00 Uhr dort, esse noch eine Kleinigkeit und Stelle mich auf den Platz, wo ich denke, sie ankommen werden.

Gesagt getan, schnell die 50km abgeradelt, gegessen und Punkt 14:00Uhr hochmotiviert auf dem Platz gestanden. Problem: Niemand da, nicht mal Leute aus dem Ort. Okay, vielleicht etwas zu früh, so setzte ich mich wieder ein ein kleines Wäldchen in der Nähe des Platzes hinter der Kirche und wartete. Nach einer Stunde fuhr ich ein bisschen durch das Dorf, niemand zu sehen. Immernoch ließ sich auch aus dem Dorf niemand blicken. Keine Menschenseele… So saß ich weiterhin im Wäldchen. Um 16:30 kam Leben in den Ort, die Kirche füllt sich und die Leute hielten Gottesdienst, meinte ich. Da ich nur ältere Leute sah, habe ich keine weitere Notiz von ihnen genommen. Mittlerweile fragte ich mich, ob ich im richtigen Ort bin, das wäre es ja gewesen. Sitze ich im falschen Ort. Aber es war der richtige Platz. Die Schrotholzkapelle ist unverkennbar.

Um 17:30, mittlerweile dachte ich, ich wohne nun in dem Wald und bin ein Teil von ihm geworden, jedenfalls habe ich ca eine Stunde geschlafen, bin ich nochmals aufs Rad gestiegen um ans andere Ende des Dorfes zu fahren. Meine Laune war jetzt so im Keller dass ich gar keine Lust mehr auf eine große Überraschung hatte, ich wollte einfach nur endlich Leute sehen oder wissen wie es weiter geht. Auf halbem Weg kam mir der Bus aus Deutschland entgegen. Nach 3,5 Stunden warten, sitzen und langweilen, war dies ein totaler Gefühlsausbruch und wild mit meinem Hut wedelnd fuhr ich ihnen entgegen und hinterher. Der Bus bog auf den Platz ein und plötzlich standen unmengen Leute dort bereit zum Empfang, den ganzen Tag über sehe ich keine Menschenseele und plötzlich sind überall Leute die uns betrachten und neugierig mein Fahrrad anschauen. Auch die Gemeinde war nicht informiert, dass ich komme und dass ich ein Teil der Gruppe bin. Da ist meine Überraschung auf zwei Seiten voll geglückt. Nach einem Herzlichen Willkommen gab es erstmal Kuchen und ausruhen. Der Bus musste gefühlte Ewigkeiten an der Deutsch/Polnischen Grenze warten, da der Fahrer ein Mautgerät brauchte und die Ausstellung sich sehr lange hinzog.

Nach der Begrüßung erklärte sich sofort eine Familie bereit mich aufzunehmen. Eigentlich wollte ich nur ein Platz für mein Zelt oder einen Platz auf dem Boden für die Luftmatratze haben. Das wollte dort niemand hören und ich bekam ein großes Doppelbett und der Besitzer des Bettes schlief auf der Couch. Meine Proteste wurden abgewiesen. Willkommen in Polen, dies ist die Polnische Gastfreundschaft! Die Familie versuchte es uns so gut wie möglich zu machen, wir fühlten uns total wohl. Zuerst wollte ich nur eine Nacht bleiben und dann weiter, aber sehr schnell entschloss ich mich noch eine weitere Nacht zu bleiben und einen Tag mit meiner Gruppe zu genießen.

Am ersten Abend wurden wir allen möglichen weiteren Familienmitgliedern vorgestellt und immer wieder musste ich meine Geschichte erzählen und meine weiteren Pläne erläutern. Ebenfalls wurde ich immer gefragt, wie es möglich sei in Polen so weit Fahrrad zu fahren. Nach den letzten Wochen fahren und viel alleine sein fühlte ich mich richtig wohl in der Gesellschaft.

Am nächsten Tag stand dann Programm an und ging nach Zabrze in ein Kohlebergwerk und nach Gleiwitz zum Radiosendemast (der Ort an dem quasi der zweite Weltkrieg begann/ Gleiwitzer Provokation) und ein Spaziergang durch die Innenstadt.

Abends zurück in der Gastfamilie kümmerte ich mich erstmal um mein Fahrrad, die Kette musste so langsam mal nachgespannt werden.

Am nächsten Tag brach ich aber wirklich auf, vollgepackt mit Essen, und zwei Gläsern selbstgemachter Marmelade (ich darf ja nicht verhungern),denn ich wollte unbedingt noch das Museum Auschwitz besuchen und ich hatte mit der Gruppe abgemacht, schon mal in Krakau die Pilgerrucksäcke und Ausweise zu organisieren und mich in der Stadt zurecht zu finden.

So fuhr ich nach Oswieciem (Auschwitz) eine nette kleine Stadt, aber mit traurigem Flair, das meiner Meinung nach allgegenwärtig ist. Dort traf ich einen Franziskanerbruder, der mich zu sich ins Kloster nach Harmeze einlud. Die Tage der Begegnung sind für mich also noch nicht vorbei. Im Maximilian Kolbe Zentrum des Franziskanerklosters von Harmeze waren eine Brasilianische, eine Amerikanische und eine Deutsche Gruppe untergebracht. Ich bekam einen Platz auf der Wiese für mein Zelt zugewiesen, was mir nichts ausmachte. Eine Dusche und Abendessen sowie Frühstück bekam ich auch noch. Abends besuchte ich noch das Marian Kolodziej Museum des Klosters, der Ort Harmeze liegt nur ein paar Kilometer vom Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau entfernt. Marian Kolodziej war ein inhaftierter und überlebender dieses Lagers und fertigte im späteren Alter halbseitig gelähmt diverse beeindruckenden Zeichnungen über seine Zeit dort an. Das Museum ist relativ unbekannt, da es halt versteckt in dem Kloster ist, dennoch lohnt es sich, es zu besuchen, da man hautnah erlebt, wie die Gefühle der Menschen damals gewesen sein müssen und was für eine Atmosphäre geherrscht haben muss. Ein paar Zeichnungen sind in der Gallery zu sehen. Wer von der Leserschaft sich einmal das Lager Auschwitz anschauen fährt, bitte tut mir den gefallen und geht ebenfalls in das Marian Kolodziej Labyrinth nur ein paar Kilometer weiter. Bruder Hironymus spricht perfekt Deutsch und freut sich Interessierten die Ausstellung zu zeigen und zu erläutern.

Im Kloster wurde ich ebenfalls so herzlich empfangen und behandelt, dass es mir wieder schwer fiel zu gehen. Am nächsten Morgen nahm ich noch an einem Geländespiel und anschließenden Volleyballtournier teil, ehe ich nach dem Mittagessen mich auf den Weg machte und die letzten 70km nach Krakau in Angriff nahm…

Den Besuch des Lagers musste ich auf nach Krakau verschieben, da während des WJTs nur für angemeldete Pilgergruppen geöffnet war und auch dann nicht alles zu sehen war, sondern nur eine Kurzführung gemacht wurde.