Türkei
5. Dezember 2016
Armenien – Null Kilometer auf dem Rad
14. Dezember 2016

Georgien

Groß war die Erwartung von Georgien. Dieses kleine Land im Kaukasus, dass so gerne in die EU eintreten will, aber nach der Unabhängigkeit durch den Kaukasuskrieg und der Abtrünnigkeit zweier Regionen stark geschwächt wurde. An der Grenze hängen schonmal vorsorglich große EU Flaggen, auch wenn der Beitritt sich noch viele Jahre hinziehen kann. Die Straße wurde nun merklich schlechter. Große Schlaglöcher mit Regenwasser gefüllt zwingen mich weite Schlenker zu fahren. Ebenfalls scheint es, dass die Autos nun sehr viel Rücksichtsloser fahren als noch in der Türkei. Bei jedem Schlenker auf die Straße folgt ein Hupkonzert der Autos. Total nervlich erschöpft, erreiche ich am Abend Batumi.

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Grenze auf Georgischer Seite. Die EU Flaggen werd ich noch häufiger sehen.

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Vielen Dank

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Hmm… Wer zahlt jetzt was?

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5 Radreisende an einem Ort

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Alphabet Tower, Batumi

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In Batumi richtete ich mich erstmal in einem schönen Hostel ein und siehe da, schon zwei weitere Reiseradler suchten dort Unterschlupf. Xi, aus China und Craig aus Neuseeland. Xi, radelte den ganzen Weg von China und ist nun seinem Ziel Europa ganz nah. Craig ist bereits seit 10 Jahren unterwegs und Arbeitet als Freelancer und Programmierer. Am späten Abend erreichte noch ein Radler aus England, der aber sehr wortkarg war und direkt ins Bett ging, unser Hostel. Am nächsten Morgen war er früh wieder verschwunden. Dafür erreichten Abends Ward aus Belgien und Julian aus Münster (ebenfalls Reiseradler) unser Hostel. Nun waren wir fünf Radler, gestrandet im dauerverregneten Batumi. So nutzten wir die Zeit zum Erfahrungen austauschen und gemeinsames Gegend erkunden. Nach drei weiteren Tagen hörte es endlich auf zu Regnen und Ward und ich beschlossen, gemeinsam Richtung Armenien weiterzufahren. Nach zwanzig Kilometern überkam mich ein seltsames Gefühl. Heute Morgen beim packen, habe ich meinen zweiten Reisepass nicht in der Hand gehabt. Normalerweise ist er immer in der Lenkertasche. Ist er da immer noch? Beim nachsehen dann der Schock. Der Pass war nicht da. Jetzt nicht in Panik geraten. Alle Taschen ausgeleert und durchsucht. Kein Reisepass zu finden. Jetzt nicht in Panik geraten! Ward schlug vor, zum Hostel zurück zu fahren und dort nach dem Pass zu suchen. Er würde solange auf das Rad aufpassen. Die Hostelmitarbeiter sprachen leider kein gutes Englisch und so konnte ich telefonisch nichts erreichen. So trampte ich die 20 km zurück zum Hostel um auf einen total verwunderten Craig und Julian zu treffen. So schnell hatten sie nicht gerechnet mich wieder zu sehen. Gemeinsam stellten wir das Hostel auf den Kopf um nach dem Pass zu suchen aber kein Pass da. Das worst case Szenario ist eingetreten. Was mache ich jetzt, wie kann das passieren und wie löse ich das Problem jetzt? Einen zweiten Pass habe ich ja noch, also theoretisch kann ich weiter, aber der zweite Pass war speziell für die Visumbeantragung im weiteren Verlauf der Reise gedacht. So viel ich in ein Loch und wusste nicht weiter. Ich beschloss mit dem Taxi zurück zum Rad zu fahren und ins Hostel zurück zu radeln. Dort zu bleiben bis der Pass auftaucht oder mir etwas besseres einfällt.

Julian bot mir an, einige Tage später, gemeinsam nach Tiflis zu radeln, damit ich dann zur Botschaft gehen und alles regeln könne. So brachen wir einige Tage später auf.

Der Weg führte über einen ca. 2100 meter hohen pass, wo ich zum ersten mal Schnee begegnete nach Akhaltsikhe, einer alten Stadt mit großer Burg. Die Straße über den Pass war eine schreckliche Schotter und Matschpiste, wo sich die Qualität unserer Räder herausstellte. Beide Räder überlebten es unversehrt und so genossen wir für beide wohl die landschaftlich schönste Strecke unserer Reise.

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Fast geschafft

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Es war sehr kalt

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Geschafft!! Höchster Pass der bisherigen Reise!

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Zur Ständigen Belastung in Georgien wurden wilde Hunde, die überall in allen Dörfern und auf dem Land quasi auf uns warteten um uns zu jagen. Da wir zu zweit waren, konnten wir das gut zusammen lösen. Alleine hätte ich glaub ich große Probleme bekommen. Trotzdem war es sehr nervig, alle paar Kilometer eine neue Hundeattacke abwehren zu müssen. Vor allem wenn es direkt ein ganzes Rudel war, die zusammen auf uns zustürmten.

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Die Teilstrecke Katchuri bis Grois, wird uns beiden in Erinnerung bleiben. Es war ein fürchterlicher Tag, eiskalt und regnerisch, so beschlossen wir die Autobahn zu benutzen. Autobahn fahren ist im Notfall immer eine Option, hat es die Vorteile durch meist gut Ausgebaute Straßen mit breitem Seitenstreifen. Allerdings mit vielen Autos und ständigen Abgasen. Die Strecke war eine absolute Herausforderung für beide. Es war 0° und durch den Fahrtwind und dem heftigen Regen gefühlt noch viel Kälter. 40 km lang gab es auch keine Möglichkeit eine Pause an einer Tankstelle einzulegen und bald stellte sich heraus, dass Julians Rad die Passstraße wohl doch nicht so gut überstanden hatte. Die Speichen am Hinterrad hatten sich gelockert und so konnte er nur noch sehr langsam fahren. Dies Verlängerte unseren Qualvollen Tag noch viel mehr.

Kurz vor der Abfahrt Gori, unserem Tagesziel. Man konnte das Ausfahrtsschild von sehen, machte es Peng und mein Hinterrad verabschiedete sich. Jetzt haben wir so viel durchgemacht und gelitten und jetzt so kurz vor dem Ziel platzte mein Reifen. Ich fing an laut zu fluchen und dann zu lachen. Der Tag war eine einzige Prüfung des durchhaltens und Willens. Trotz allem fluchens, es änderte nichts an der Situation. Der Reifen repariert sich nicht von alleine und der regen wird so schnell auch nicht aufhören. Total wiederwillig machte ich mich dran den Schlauch zu wechseln. Im Starken Regen gar keine Leichte Sache und wenn dann die Hände noch erfrieren erst recht nicht. Dies war das erste mal, wo ich mich wirklich fragte, warum ich das alles überhaupt mache. Nun war auch meine Laune auf einem absoluten Tiefpunkt und ich wollte einfach nur noch ins Bett.

Durch Julians Speichenproblem waren wir gezwungen, zwei Nächte in Goris zu bleiben. Den nächsten Tag nutzten unsere Gastgeber dazu, uns zu einer Georgischen Party einzuladen. Von diesen Partys hatte ich im Vorfeld schon viel gehört, da doch so gross gegessen und getrunken wird. Der selbstgebrannte ChaCha (Georgischer Schnaps) wurde aus einer 2Liter Colaflasche gereicht. Leider verstehen Georgier nicht, dass man keinen Alkohol trinkt und akzeptieren ein einfaches nein nicht. Daher muss eine Lösung gefunden werden. Geheimtipp sollte sein, zu sagen, man würde Antibiotika nehmen. Selbst Georgier wissen, dass sich Antibiotika und Alkohol nicht vertragen und siehe da, sie sprangen drauf an. Wiederwillig. Bis einer kam, eine Tablette nahm, mit ChaCha runterspülte und meinte, ich solle mich nicht so anstellen. Das änderte dann auch die Meinung der anderen und ich wurde im weiteren Verlauf etwas ignoriert, da ich darauf bestand, nichts zu trinken. Stattdessen wandten sie sich Julian zu. Nach einiger Zeit, wir mussten ja noch einen Radladen finden. Flüchteten wir. Die zwei Liter ChaCha waren schon leer und als nächstes wurde ein 5 Liter Kanister Wein angeschleppt. Wir waren acht Menschen im Raum.

Zurück auf der Straße fanden wir einen Radhändler, der das Rad wieder richten konnte und so planten wir den nächsten Tag weiter nach Tiflis zu fahren. Ich hatte einen Termin in der Botschaft für den nächsten Tag, so musste ich in jedem Fall dort ankommen.

Am nächsten Morgen war Julians Reifen platt und ließ sich nicht mehr Aufpumpen. So beschlossen wir, dass ich alleine vorfahre und wir uns später in Tiflis treffen.

So begann ein weiterer sehr heftiger Tag für mich. Nach nur einer Kurve sprangen drei Hunde aus einem Park auf die Straße und rannten mir hinterher. Zwei Kilometer weiter, an der Ortsausfahrt noch zwei weitere und so zog es sich über die Kilometer hin. Ich zählte 12 Hunde in der ersten Stunde, die alle wie wild geworden laut bellend hinter mir her rannten. Ein paar schnappten sogar nach meinen Taschen. Sowohl in den Orten oder auf Straßen zwischen den Orten, überall wurde ich von Hunden gejagt. Aufgrund meiner Panik vor Hunden, steigerte sich meine Angst immer weiter, sodass ich Angst vor jeder Kurve hatte, vor jedem neuen Dorf, ich konnte nichtmehr still auf dem Sattel sitzen, aus Angst gleich wieder angefallen zu werden. Im nächsten Dorf kamen wieder zwei Hunde, einer von Vorne rannte direkt auf mein Vorderrad zu und der andere von der Seite. Beide kamen wild bellend immer näher und der Hund von Vorne streifte mein Bein und die Taschen. Das war für ein Auslöser, dass ich nichtmehr konnte. Ich bekam eine Panikattacke und konnte nicht mehr weiter, ich saß auf der Straße und wusste nicht was ich tun soll. Es war wieder ein sehr kalter Tag, dennoch spürte ich die Kälte nicht. Jeder Versuch weiter zufahren scheiterte. Die Angst, die Panik war sofort wieder Anwesend. Es ging nichtmehr. Die große Sorge vor Hunden, die mich vor Beginn der Fahrt noch beschäftigte, bestätigte sich. Dennoch will ich mich nicht von den Tieren unterkriegen lassen. Aber an diesem Punkt ging es nichtmehr. Ich war fertig.  Es war nicht vorstellbar noch einen weiteren Hund begegnen zu können. Die ganze Zeit zitterte ich und die Tränen liefen. So stand ich allein auf dieser weiten Straße irgendwo im Georgischen nirgendwo. Ich beschloss sitzen zu bleiben und zu warten das irgendwas passierte. Nach gut einer Stunde vernahm ich ein lautes Brummen und Hupen. Ich war nahe einer Zugstrecke und ein Zug aus Richtung Tiflis fuhr vorbei. Das war meine Lösung für heute. Langsam schob ich mein Rad Richtung nächstem Bahnhof und nahm den Zug die letzten 20km in die Hauptstadt.

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In der Stadt nun, gute drei Stunden nach der letzten Hundebegegnung, radelte ich zum Hostel und traf einen Hund auf der Straße, der mich nur beobachtete und nicht Angriff, dennoch fing ich sofort wieder an zu zittern und das schlimme Gefühl der Panik und Angst war zurück.

Tiflis ist eine wunderbare Stadt mit Charme. Zwischen Sovietbauten und Moderner Architektur lässt sich alles finden. In der Deutschen Botschaft gab ich meine Verlustmeldung der Polizeistation Batumi ab und damit hatte sich die Sache erstmal. Bis heute habe ich keine Ahnung, wie der Pass abhanden kommen konnte. Ob ihn vielleicht jemand entwendet habe, kann ich nicht sicher sagen und ich möchte niemanden beschuldigen. Es ist schlicht unerklärbar.

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Fahrradtransport

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Nach ein Paar Tagen Tiflis erkunden, machte sich Julian auf in Richtung Aserbaidschan. Meine Route sollte weiter über Armenien in den Iran führen. Allerdings fühlte ich mich immer noch nicht wieder mental auf den Beinen, sodass ich das Hostel wechselte und noch ein paar Tage in Tiflis blieb. Dort beschloss ich, aufgrund des Anstehenden Winters und der weiteren Hundegefahr, die bis zur Grenze und in Armenien ebenfalls sehr hoch sein soll, auf den Bus umzusteigen und keinen Kilometer dort mit dem Rad zurück zu legen.

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